Hans Mühlbacher: 50 Jahre Konzertmeister im Akademischen Orchestervereins


Es sind fast auf den Tag 40 Jahre her (14. 12. 1957), daß ich mein erstes AOV-Konzert dirigierte. Konzertmeister war Hans Mühlbacher. Seitdem sind mehr als 130 Konzerte über die Bühne gegangen – die Male, wo nicht Hans Mühlbacher am ersten Pult saß, kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Er war – trotz seiner Lebhaftigkeit – der ruhende Pol im fließenden Innenleben des AOV, eine bereits längst anerkannte Institution, als ich selbst erst langsam begann, mich zu dem zweiten ruhenden Pol zu entwickeln. Höchst respektloserweise habe ich uns beide einmal „die beiden Leitfossilien des AOV“ genannt; ich wollte damit die ruhende Konstante ausdrücken, die in unserer hektischen Zeit fast unglaublich anmutende Beständigkeit einer Lebensgestaltung. Ich habe während der Jahre meiner Tätigkeit im AOV fünf Vereinsvorstände erlebt, und nur einen ersten Konzertmeister.
Nichts ist für einen Dirigenten so wichtig wie der funktionierende Kontakt zum Konzertmeister. Dazu gehört in erster Linie Kontaktfreudigkeit und –bereitschaft von beiden Seiten. Das ist keineswegs so selbstverständlich, wie es scheinen mag. Die gemeinsame musikalische Sprache ist die zweite Voraussetzung, ohne die sich ein reibungsloses Musizieren nicht einstellen wird. Und letzlich ist auch die menschliche Komponente nicht so ganz unwichtig: wenn Dirigent und Kontermeister einander nicht leiden können, bockt zuerst das Orchester und überträgt dann das Unbehagen sofort auf das Publikum. Ich glaube nicht an die Trennung von Kunstausübung und charakterlicher Haltung. Wenn man aus diesen Zeilen ene Liebeserklärung an Hans Mühlbacher herauslesen kann, so entspricht das völlig meiner Absicht, waren doch bei ihm in all den Jahren die angeführten Voraussetzungen für den Ideal-Konzertmeister in hervorragender Weise präsent. Die geigerische Qualität war immer so selbstverständlich, daß sie jetzt fast nicht erwähnt worden wäre.

Mit großem Vergnügen werde ich immer an die langen, meist nächtens geführten Telefonate erinnern, in denen wir Strich- und andere musikalische Probleme der zu erarbeitenden Werke erörterten. Unvergeßlich wird uns allen seine Optimismus ausstrahlende Persönlichkeit bleiben – seine Gepflogenheit, meist erst im letzten Moment vor Beginn der Probe mit heitersten Gesicht und einer guten Nachricht auf den Lippen zu erscheinen, hatte etwas liebenswert-theatralisches und verhehlte nie ihre Wirkung – ebenso wie seine in kritischen Situationen mit hohem Ernst geäußerten, von allen respektierten und befolgten Ratschläge. Ich als Dirigent erinnere mich darüber hinaus mit großer Bewunderung an sein geradezu beleidigend-beneidenswertes scharfes Gehör.

Daß Hans Mühlbacher uns weiterhin mit Rat und Tat zur Verfügung stehen wird, ist ein kleiner Trost bei diesem Abschied nach 50jähriger Konzertmeistertätigkeit. Ich möchte an dieser Stelle meinen tiefen Dank aussprechen für ungezählte schöne Stunden musikalischen Beisammenseins, für unschätzbare Hilfe in langen Jahren harter Arbeit, für eine Freundschaft, die keine Erschütterung kennt.

 

Von Wolfgang Gabriel, Künstlerischer Leiter des Akademischen Orchestervereins, 8. Dezember 1997