Hans Mühlbacher: 50 Jahre Konzertmeister des Akademischen Orchestervereins


Hans Mühlbacher, dessen musikalische Ausbildung schon im Volksschulalter begonnen hatte, trat im Jahr 1932 als 19jähriger angehender Technikstudent in den AOV ein und begann sein Orchesterspiel zunächst bei den zweiten Geigen. Auf Grund seiner herausragenden musikalischen Fähigkeiten wurde er 1947 zum Konzertmeister ernannt. Heute, nach unvorstellbaren 65 Jahren der Zugehörigkeit zum AOV und einem halben Jahrhundert am ersten Pult, zieht er sich vom Orchestermusizieren zurück.
Hans Mühlbacher verkörpert den Konzertmeister im besten Sinne des Wortes: ein Meister seines Instruments, nicht nur im Orchester, sondern auch als Solist und vielseitiger Kammermusiker, ein Meister seines Faches als Stehgeiger bei zahlreichen Walzerkonzerten, sei es in seiner Heimatgemeinde St. Wolfgang, sei es in Heiligenstadt oder Floridsdorf.

Er verfügt über die besondere Fähigkeit, anderen Menschen seine Begeisterung für die Musik zu vermitteln, sie zu faszinieren und sie an sich zu binden – als Ausübende oder als Publikum. So gelingt es ihm immer wieder, gut ausgebildete Instrumentalisten, die nicht die Laufbahn des Berufsmusikers eingeschlagen haben, für das Orchesterspiel im AOV zu gewinnen, eine unerläßliche Form der Nachwuchspflege, ohne die kein Ensemble weiterbestehen könnte.

Im Laufe seiner 50jährigen Konzertmeistertätigkeit hat Hans Mühlbacher mehrere Generationen von Musikern des AOV geprägt. Das Amateurmusizieren hat für ihn nur dann eine Existenzberechtigung, wenn die steigenden Erwartungen des Publikums erfüllt werden. Konsequenterweise hat er die höchsten Ansprüche an sich selbst gestellt und damit ein Niveau festgelegt, das für alle Vorbild und Herausforderung ist.
Seine persönliche Ausstrahlung und Kontaktfähigkeit ermöglichten ihm, im Wiener Kulturleben einen geradezu unüberschaubaren Kreis von Freunden und Bekannten aufzubauen. Allen voran ist seine freundschaftliche Verbindung zu Rainer Küchl, dem philharmonischen Konzertmeister, zu nennen, aus der eine langjährige, beglückende Zusammenarbeit mit dem AOV resultiert.

Als jahrzehntelanges Mitglied der Vereinsleitung hat Hans Mühlbacher einen maßgeblichen Anteil an der Weiterentwicklung der musikalischen Qualität und an der wachsenden Anerkennung des Orchesters im Wiener Musikleben. So manche Krise des Orchesters - sowohl in den Beziehungen nach außen als auch in der inneren Dynamik – wurde durch sein Engagement und seine Erfahrung überwunden.

Dem Diplomingenieur der technischen Physik und Doktor der Technischen Wissenschaften war es schon in jungen Jahren gelungen, seine musikalische Begabung auch in der wissenschaftlichen Arbeit umzusetzen. Seine Dissertation über die stereophone Rundfunkübertragung hätte ihn als Erfinder berühmt machen müssen, die Nachkriegswirren brachten ihn jedoch um die Früchte seiner Ideen. Er ertrug das ihm widerfahrene Erfinderschicksal mit der ihm eigenen Fähigkeit, Rückschläge zu überwinden.

Wenn er sich heute vom Pult des Konzertmeisters zurückzieht, tut er dies im Bewußtsein, dass seine Nachfolge im Orchester geregelt ist. Mit gar nicht anders vorstellbarem persönlichem Engagement hat er längst zwei hervorragende junge Geiger gewonnen, die in Hinkunft die Aufgaben des Konzertmeister übernehmen werden.
Hans Mühlbacher wird seinen AOV weiter mit Rat und Tat unterstützen, er ist und bleibt die Seele des Orchester. Wir bleiben ihm, unserem Ehrenmitglied, in tiefer Dankbarkeit und Zuneigung verbunden. Unser besonderer Dank gilt aus seiner Frau Maria, die seine musikalischen Ambitionen immer unterstützt, ja mitgelebt hat.

Lieber Hans: Wir wünschen Dir viele Jahre ungebrochener Schaffenskraft in bester Gesundheit- und uns, daß es gelingt, die von Dir geprägte Kultur und den Geist des Orchesters aufrechtzuerhalten und weiterzutragen.

 

Von Peter Placheta, Vorstand des Akademischen Orchestervereins, 8. Dezember 1997