Nachruf: Zwischen Technik und Musik, Forschung und Vernichtung
05.05.2008 | GERHARD BOTZ (Die Presse)
Hans Mühlbacher, Erfinder der stereofonen Radioübertragung, ist am Samstag im Alter von 94 Jahren in Wien verstorben.

Kurz vor seinem 95.Geburtstag ist Hans Mühlbacher, Erfinder der stereofonen Radioübertragung, langjähriger Dirigent des Wiener Akademischen Orchesters und Techniker, der als sogenannter „Nichtarier“ an der Entwicklung von Raketenwaffen im Dritten Reich mitzuarbeiten hatte, vergangenen Samstag in Wien gestorben.

Schon seine Herkunft war durch Gegensätzliches gekennzeichnet. Geboren wurde er im letzten Friedensjahr vor dem Ersten Weltkrieg in St.Wolfgang in Oberösterreich, in einem Milieu, das an das idyllisch-nostalgische Bild der Operette Ralph Benatzkys erinnert: Junger aufstrebender Lehrer und Förster verliebt sich in sommerfrischende Tochter aus jüdischem Wiener Bürgertum. Das Forstamt nahe dem „Weißen Rössl“ wird das Elternhaus des jungen Hans.
Anfang der 30er-Jahre, während auch hier schon die Schatten des Nationalsozialismus aufziehen, geht Hans, der „musikhungrige Provinzler“, wie er selbst sagte, nach Wien, in die „andere, ,große‘ Welt“, auf der noch der Nachglanz des „alten Kaisers“ liegt. Neben seinem Studium an der Technischen Hochschule widmet er sich hier ebenso intensiv seiner „zweiten Liebe“, der Musik, die er fast ebenso virtuos ausübte wie seinen Lebensberuf, der ihm das Überleben im Dritten Reich ermöglichen sollte.
Denn selbst ursprünglich großdeutsch eingestellt und angehender Burschenschafter, zerstörte die Machtübernahme Hitlers die ausklingende Idylle einer „alten Welt“. 1938 sah sich der frisch diplomierte Physiker zum „Halbjuden“ und „Mischling ersten Grades“ gestempelt. Doch die militärische Expansion Hitler-Deutschlands benötigte dringend Soldaten und Techniker, auch wenn sie nicht den „Nürnberger Rassengesetzen“ entsprachen. So diente Mühlbacher im Zweiten Weltkrieg zunächst in der Wehrmacht. Er war damit kein „Einzelfall“, sondern einer der über 150.000 überwiegend „deutsch-jüdischen Mischlinge“ im Waffenrock Hitlers.
Aber es war auch nicht alltäglich, dass ein „Nichtarier“ als Soldat eine Kriegsdienstauszeichnung erhielt und in Görings Reichsluftfahrtministerium kriegswichtige Aufgaben erfüllte. Auf dem Höhepunkt der deutschen Hegemonie über weite Teile Europas und der Massenvernichtung der Juden wurde Mühlbacher „beurlaubt“. Doch große deutsche Elektro- und Flugzeugunternehmen, die in der Rüstung arbeiteten, rissen sich um den Techniker, der schon 1939 ein bahnbrechendes Patent für die Entwicklung der Radiostereofonie angemeldet und sich bei Bosch verdient gemacht hatte. Er wurde von den Hensche-Werken angestellt und arbeitete u.a. in Berlin für die Luftwaffe bzw. (zum Schluss) für die Waffen-SS weiter. So war er als Messtechniker bei der Entwicklung von Lenkraketen beteiligt, an denen nach 1945 die Entwicklungslinien der Lenkflugkörper der modernen Kriegstechnologie ansetzten.

Konnte Mutter und Schwester retten
So unwahrscheinlich es klingen mag, es gelang ihm dabei, nicht nur sich selbst, sondern auch seine jüdische Mutter und seine Schwester mit einer fast aussichtslos erscheinenden Hinhalte- und Verbergungsstrategie vor dem Holocaust zu retten. Auch die Beziehung zu seiner späteren Frau Maria Graf, Erste Balletttänzerin an der Wiener Staatsoper, wurde, obwohl als „rassenschänderisch“ taxiert, gedeckt.
Nur selten ließ Mühlbacher, der im hohen Alter seine Autobiografie schrieb, erkennen, wie schwierig es für ihn gewesen sein muss, das Spannungsverhältnis zwischen „jüdisch“ und „christlich“, einerseits von der Vernichtung bedroht und andererseits am Fortgang der Vernichtungsmaschinerie indirekt mitwirkend, auszuhalten. In seinem Erinnerungsbuch „Zwischen Technik und Musik“ bekannte er: „Um sieben Jahre zu überleben und nicht Denunzianten zum Opfer zu fallen, hatte man sich in ein zweites ,Ich‘ flüchten müssen. Das erste, das wirkliche ,Ich‘ konnte nur im Geheimen oder in der Aussprache mit treuen Freunden bestehen.“
Nach dem Krieg in Wien und England für die internationale Elektroindustrie arbeitend, dann im bis zuletzt währenden „Unruhestand“ zogen sein Charme und Charisma einen Freundeskreis an, der Gegensätze der Profession, Mentalität, Religion und Politik mühelos überbrückte. Nach dem Tod seiner Maria, die er 1945 heiraten durfte, verliebte er sich noch einmal und heiratete schließlich als 93-Jähriger Brigitte Wagner, die Witwe seines ehemaligen Chefs bei den Henschel-Werken, Herbert Wagner.
Hans Mühlbacher war ein ungewöhnlicher und erinnerungswürdiger Mensch. Mit ihm ist ein Stück katastrophischer und doch positiv bewältigter Erfahrungen Österreichs im 20. Jahrhundert verschwunden.

 

Gerhard Botz ist Prof. für Zeitgeschichte an der Uni Wien und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Histor. Sozialwissenschaft.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2008)