Trauerrede für Hans Mühlbacher von Peter Placheta am 14. Mai 2008

Heute, an seinem 95. Geburtstag, verabschieden wir uns von Hans Mühlbacher. Er war durch 50 Jahre Konzertmeister des Akademischen Orchestervereins und Ehrenmitglied des Orchesters.

„Zwischen Technik und Musik“ - so lautet der Titel seiner zum 90. Geburtstag erschienenen Autobiographie , und in diesem Spannungsfeld bewegte sich sein erfülltes Leben.
Den ersten Violinunterricht erhielt er bereits im Volksschulalter und er entwickelte bald ein großes Talent als Geiger und Bratscher. Schließlich entschloß er sich aber, technische Physik zu studieren. Im Jahr 1932, in dem er sein Studium begann, wurde er als 19-Jähriger in den Akademischen Orchesterverein aufgenommen.

Während des Studiums beschäftigte sich Hans Mühlbacher intensiv mit der Fernübertragung des räumlichen Klanges. Als ausübender Musiker und ausgebildeter Physiker war er prädestiniert, das Problem akustisch und technisch zu lösen. Tatsächlich legte er mit seiner Doktorarbeit bereits im Jahr 1944 die Grundlage für die moderne stereophone Rundfunk-übertragung. Diese bahnbrechende Erfindung kam – nach seinen eigenen Worten – um zwei Jahrzehnte zu früh und konnte in den Nachkriegswirren nicht mehr verwertet werden. Er ertrug sein Erfinderschicksal mit der ihm eigenen Stärke, Rückschläge zu überwinden.

Nach der kriegsbedingten Unterbrechung kehrte Hans Mühlbacher 1945 in den AOV zurück und wurde im Jahr 1947 auf Grund seines herausragenden musikalischen Könnens zum Konzertmeister ernannt, eine Aufgabe, die er bis 1997, also 50 Jahre lang, mit Begeisterung und Hingabe erfüllte. Er war ein Meister seines Instrumentes - im Orchester am ersten Pult der Geigen, als Kammermusiker und als Solist. Ein Meister seines Faches war er auch, wenn er in der Tradition von Johann Strauß als Stehgeiger Konzerte leitete: beginnend mit Walzerkonzerten in seiner Heimatgemeinde St. Wolfgang und später im Rahmen der Frühlingskonzerte in Floridsdorf, die er begründet hatte, und die wir Jahr für Jahr weiter veranstalten.
Als Mitglied der Vereinsleitung hat Hans Mühlbacher die künstlerische Linie des Orchesters durch viele Jahre aktiv mitgestaltet. Er konnte auf seinem großen Kreis von Freunden und Bekannten im Wiener Kulturleben aufbauen und entscheidend zur Weiterentwicklung und wachsenden Anerkennung des AOV beitragen. Es gelang ihm auch immer wieder, gut ausgebildete Amateure für den AOV zu gewinnen. Viele aktive Mitglieder sind auf diese Weise zu uns gekommen und dem Orchester treu geblieben.

Viele von uns waren mit Hans in enger Freundschaft verbunden. Der AOV und die Aufgabe als Konzertmeister waren für ihn ein zentraler Lebensinhalt. So haben wir ihn immer erlebt, und das läßt sich auch an Hand zahlreicher Bezüge in seiner Autobiographie nachweisen. Bemerkenswerter Weise schließt sein Buch mit folgendem Satz: „Als Konzertmeister des Akademischen Orchestervereins blieb ich bis zum Jahr 1997 aktiv und übergab dann das Amt an zwei jüngere Vereinsmitglieder.“ In einem Festkonzert unter der Leitung von Wolfgang Gabriel im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, in dem er ein halbes Jahrhundert lang am ersten Pult gespielt hatte, nahm er auf eigenen Wunsch Abschied vom Orchestermusizieren. Das Geigenspiel und die Kammermusik pflegte er weiter, so lange es seine Kräfte erlaubten.
Hans Mühlbacher war der künstlerische und emotionelle Mittelpunkt des Orchesters. Seine Fähigkeit, auf die Menschen zuzugehen, sein Charme und sein Humor – alle diese liebenswerten Eigenschaften waren Ausdruck seiner unerschütterlich positiven Lebenseinstellung. Selbst in den letzten schweren Wochen seines Lebens kam nie ein Wort der Klage über seine Lippen. Sein Können, seine persönliche Ausstrahlung und seine Herzenswärme, die mit großer Sympathie erwidert wurde, haben durch Jahrzehnte den Geist und die Kultur des AOV geprägt.

Lieber Hans, wir bleiben in der Liebe zur Musik mit Dir verbunden. Wir verabschieden uns von Dir in tiefer Dankbarkeit für die erfüllte Zeit des gemeinsamen Musizierens und für die unvergeßlichen Stunden, die wir mit Dir in Freundschaf verbringen durften.
Du bleibst in unseren Herzen und lebst in unserer Erinnerung weiter.

Peter Placheta, 14. Mai 2008